Helmut Sturm Gedächtnisausstellung zum 90. Geburtstag vom 05.03.2022 - 02.10.2022

Helmut Sturm Gedächtnisausstellung zum 90. Geburtstag

Helmut Sturm zum 90sten in der Galerie im Woferlhof

Kürzlich hätte er seinen 90sten Geburtstag gefeiert – ein guter Anlass auf sein umfangreiches Werk zurückzublicken.

Geprägt ist sein Weg zur Kunst maßgeblich von der politischen und kulturellen Situation im Deutschland der Nachkriegszeit. Sein Kunstschaffen verband sich sehr früh mit politischem Engagement. In der Malerei fand er seine Sprache der Freiheit.

Als junger Erwachsener schaffte er 1952 den Weg an die Akademie der Bildenden Künste in München, nachdem er schon früh begonnen hatte zu zeichnen und zu malen. Inspiriert war Helmut Sturm vor allem von der Natur.

Seine Heimat Furth im Wald mit der hügeligen Landschaft um den Hohen Bogen, hinein in den Bayerischen und Böhmischen Wald und der Wechsel der Jahreszeiten lieferten ihm eine Bandbriete an Stimmungen und Farbschauspielen.

Doch Helmut Sturm wollte die Landschaft nicht simulieren. Er begann mit der Zerlegung des Naturabbilds in Farbfelder und Liniengeflechte, die organische Formen wie Berg- und Pflanzenformationen nachempfanden. Sturm abstrahiert und verschlüsselt die Strukturen, um ins Innere vorzudringen, die Zusammenhänge nachzuspüren und visuell zu erfassen.

Die Aufnahme an die Akademie in München war ein großer Schritt für Helmut Sturm, konnte er sich bis dahin doch vorwiegend nur aus Büchern - und auch diese waren rar - über die aktuelle Kunstszene informieren. München wird zum Lebensmittelpunkt, die Stadt zur Quelle künstlerischer Impulse.

Helmut Sturm probierte sich in unterschiedlichsten Stilen, interessierte sich vor allem für internationale Strömungen und suchte den Austausch mit Künstlerkollegen. Durch die Künstlerfreundschaft zu dem aus Roding stammenden Heimrad Prem und den Kommilitonen Lothar Fischer entstanden erste Zirkel Gleichgesinnter an der Akademie, die 1957 zur einer gemeinsamen Ausstellung der späteren SPUR-Mitglieder im Pavillon des Botanischen Garten in München führte. Von 1958 – 1965 war dann die Künstlergruppe SPUR mit Helmut Sturm, Heimrad Prem, Lothar Fischer und HP Zimmer als Kollektiv tätig.

Sturm gilt als das kommunikative Bindeglied der Gruppe, die mit ihren provozierenden Manifesten vor allem starre Gefüge der Nachkriegszeit angriff. Ihre gesellschaftskritischen und teils satirischen Zuspitzungen waren mutig und äußerst innovativ. Schnell wurde der Münchner Galerist Otto van de Loo auf die Gruppe aufmerksam, den dänischen Maler und Gründungsmitglied der Gruppe CoBrA - Asger Jorn, hatte Helmut Sturm bereits während eines Residency-Aufenthalts in Paris 1958 kennengelernt. Durch den Dänen Jorn wurde die Gruppe SPUR auch bekannt mit der „Situationistischen Internationale“, der sie dann rund drei Jahre bis 1962 angehörte.

Diese Teilnahme hat die Gruppe SPUR sowohl bildnerisch aber auch politisch sehr stark geprägt. Innerhalb der Malerei versuchten sie – und besonders auch Helmut Sturm - eine neue Bildsprache zu etablieren. Ohne Rücksicht auf Konventionen kämpfte Sturm mit seinen Gruppenmitgliedern für eine Transformation des Gegenstands. Sie wollten sowohl die Abstraktion als auch die informelle Malerei überwinden. Das heißt nicht, dass sie diese Entwicklungen komplett ablehnten. Gerade die informelle Malerei, die das Prinzip der „Formlosigkeit“ etablierte setzte sehr stark auf den Prozess des Malens und prägte auch Helmut Sturms Herangehensweise als Bildender Künstler stark. Die spontane Geste und der Zufall sind wesentliche Merkmale auch seiner Malerei. Heute spricht man auch vom „geplanten Zufall“ da der Werkprozess oft lange erprobt wird und somit aus der Formlosigkeit ein individuelles Vokabular entsteht.

In den zahlreichen Skizzenbüchern Helmut Sturms sehen wir Studien mit gestaffelten Linien, die räumliche Gebilde formen. Organisch wuchernd verändern sie in aufeinanderfolgenden Zeichnungen ihr Ausdehnung, werden dichter oder lockerer. Hier erkennt man besonders gut Anklänge zur frühen Abstraktion in Deutschland. Kennen wir doch Adolph Hölzels in Linien abstrahierte Figurenensembles, die sich später zu rein abstrakten Farbflächen wandeln. Entstanden sind sie aus der Bewegung der Hand, die runden Umrisszeichnungen folgen der natürlichen Kreisbewegung der Hand – um das nur kurz anzureißen.

Damit sind die Abstraktion und das Informel sozusagen Basis, der von Helmut Sturm und den Mitstreitern der SPUR neue Ansätze und zusätzliche Elemente hinzugefügt werden sollen. Mit ihrem Rückgriff zur Gegenständlichkeit war die Gruppe Spur und der Maler Helmut Sturm ihrer Zeit aus heutiger Sicht weit voraus und legte einen Grundstein für die neue Figuration in Deutschland.

Helmut Sturms Malerei ist von Beginn an experimentell und vielschichtig. Sein malerischer Ansatz ist geprägt den bereits erwähnten intensiven Studien, die er in ungezählten Notizund Skizzenbüchern festhielt und als persönliches Archiv in seinem Atelier sammelte und permanent weiterentwickelte. Wenn Katharina Sturm, jüngst in einem Interview, das Atelier ihres Vaters als begehbare Skulptur bezeichnet, beschreibt sie genau diese Arbeitsweise eines permanent agierenden Künstlers, der alle Materialien in Betracht zieht - aber auch den Menschen Helmut Sturm.

Seine Malerei ist farbgewaltig und virtuos, seine Bildsprache ringt um die Form in komplex angelegten räumlichen Gefügen. In Schichten trägt er die Farbe auf Leinwände und Papiere, eröffnet durch komplexe Staffelungen scheinbar unendliche Weiten, die über den Bildrand hinaus förmlich den Rahmen sprengen und einen Dialog zum umgebenden Raum aufnehmen. Der Betrachter erkennt die räumlichen Strukturen vor allem über die sinnliche Wahrnehmung der Farbe. Aus Farbenlehren wie Goethes‘ kennen wir die Beschreibung der sinnlichen Wirkung auf den Menschen und unser Verständnis für Farben aus dem Abbild der Natur. Sturms optisches Vexierspiel in zahlreichen Farbschichten gleicht einem Farbkosmos, der das Auge des Betrachters in komplex strukturierten Bewegungsrichtungen über die Leinwand schickt.

Das früheste Bild der heute zu eröffnenden Ausstellung von 1989 zeigt - wie das Titelmotiv und die Bilder der frühen 1990er Jahre - noch die charakteristischen Rundformen, die die Komposition bestimmen. Schon Mitte der 90er Jahre wird die Komposition freier, das Farbspektrum erweitert sich. Die große Anzahl an Arbeiten in dieser Ausstellung auf Leinwand und Papier aus den Jahren 2003 bis 2006 – wie das Dreierpaar im ersten Ausstellungsraum unten – zeigen höchst dynamische Pinselstriche, pastosen Farbauftrag und eine Vielzahl an kräftigen Farbkontrasten.

Die Staffelung der Liniengeflechte war von Beginn an ein signifikantes Merkmal von Sturms Malerei. Die bereits erwähnten Skizzenbücher, die ihn wohl Zeit seines Lebens begleitet haben, zeigen tausendfach variierte Studien mit schriftlichen Kommentaren, die den intensiven Prozess widerspiegeln. Immer wieder öffnen und schließen sich die Bildflächen, gewinnen Linien- oder Farbflächen die Oberhand. Sturm entwickelt in der Zeichnung ein Formenrepertoire, das er auf der Leinwand mit seinem individuellen Farbspektrum kombiniert und zu einer persönlichen Bildsprache weiterentwickelt.

Zur Zeit der SPUR-Gemeinschaft manifestierten sich bei Helmut Sturm immer wieder Assoziationen zur Form des Kopfes, später zu freien Farbflächen und zum „allover“, das wieder stärkere Bezüge zur Landschaft und zur Natur zulässt – wie die Papierarbeiten im oberen Geschoss von 2006 deutlich erkennen lassen.

Begeistert und leidenschaftlich sprach Helmut Sturm über die Malerei, viele von Ihnen haben ihn sicherlich hier in seiner Heimat kennengelernt, wo er von München und Italien - seinem Zweitwohnsitz aus immer wieder gerne hinreiste. Einige seiner Studenten und Studentinnen an der Münchner Akademie stammen ja auch aus dieser Gegend.

In Stadt und Landkreis Cham war Helmut Sturm in zahlreichen Ausstellungen zu sehen – herausragend sicherlich die Schau an fünf Orten zum 80sten Geburtstag 2012, federführend kuratiert und organisiert von Bärbel Kleindorfer-Marx. Überregional war die große Wanderausstellung „Helmut Sturm - Spielfelder der Wirklichkeit“ 2020-2022 in der Kunsthalle in Emden im Museum Lothar Fischer in Neumarkt und im Kunstmuseum Ravensburg ein großer Erfolg. Dazu erschien im Hirmer Verlag ein umfangreicher Katalog zu dem auch Bärbel Kleindorfer-Marx einen Beitrag verfasst hat.

Im Woferlhof hat Sturm 2003 zum ersten Mal ausgestellt - heute wird seine 7. Ausstellung hier eröffnet.

Lassen Sie sich von der Dynamik und der positiven Energie der Bilder in diesen schwierigen Zeiten inspirieren und bleiben Sie der Kunst gewogen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Anjalie Chaubal

Leitern Museen und Galerien der Stadt Cham

Presse

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Einblicke in die Ausstellung Helmut Sturm Gedächtnisausstellung zum 90. Geburtstag