Prof. Josef Oberberger und Bernd M. Nestler vom 08.03.2025 - 08.06.2025

Einführung von Erich Hofgärtner am 8. März 2025

 

Josef Oberberger und Bernd Nestler – Kennengelernt haben sich die beiden im Jahre 1984. Josef Oberberger war damals 79 Jahre alt und blickte auf eine langjährige Glasmalerkarriere zurück. Bernd Nestler hatte gerade sein Studium der Malerei, Grafik und Glasmalerei an der Akademie der Bildenden Künste München in München bei Prof. Jürgen Reipka begonnen, der auf dem Woferlhof ja schon öfter ausgestellt worden war. Reipka war von 1963 bis 1968 Schüler von Josef Oberberger an der Akademie und wurde dort 1973 auf einen Lehrstuhl für Malerei berufen.

Im Jahr 1984 hatte Josef Oberberger den Großauftrag zur Neugestaltung von acht großen Obergadenfenstern für den Regensburger Dom erhalten, um die mittelalterliche Gesamtwirkung des Raumes wiederherzustellen. Der Auftrag umfasste des Weiteren ein monumentales Pfingstfenster für das nördliche Querhaus. Zu Regensburg und seinem Dom hatte Oberberger eine besondere Beziehung. Im Regensburger Vorort Grass ist er aufgewachsen. Als Domspatz lernte er den Dom mit seiner gotischen Domarchitektur kennen. Dieses Erleben dürfte seinen Berufswunsch, Glasmaler zu werden, entscheidend beeinflusst haben. Im Jahre 1921 begann er in Regensburg eine Lehre als Glasmaler. Vier Jahre später wechselte er nach München, wo er an der Akademie der Bildenden Künste seinem Lehrer Olaf Gulbransson begegnete, mit dem ihm eine lebenslange Freundschaft verbunden hatte.


Der Auftrag im Regensburger Dom stellte allein schon wegen des Umfangs eine große Herausforderung für den Künstler dar. Oberberger widmete sich dieser Aufgabe mit Elan und Hingabe aber auch in dem Bewusstsein, dass dieser Auftrag einen letzten Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens markieren würde. Wie alle Glasfensteraufträge fertigte Oberberger die Arbeiten in der Mayer’schen Hofkunstanstalt, eine der international führenden Werkstätten für Glasgestaltung. Die Werkstätte stellte ihm drei bis fünf Mitarbeiter ständig zur Seite. Außerdem bekam Obe – so nannten ihn Freunde und Bekannte – Unterstützung eines Akademiestudenten, es war Bernd Nestler. Die Verbindung wurde durch Prof. Jürgen Reipka hergestellt.

Die erste Begegnung

 Die erste Begegnung zwischen den beiden muss sehr kurios gewesen sein. Bernd Nestler schreibt dazu: „Ich stellte mich bei ihm zu Hause vor. Dort führte er mich an zwei oder drei Schubladen voller Papiere, Bankunterlagen und derlei Dinge. Er wollte dann wissen, ob ich da Ordnung rein bringen könnte. So etwas hatte ich zwar nicht erwartet, machte mich aber gleich an die Arbeit. Irgendwie ahnte ich, dass das eine Art Test werden sollte, denn ein solcher Ruf eilte ihm voraus, dass er Leute gern testete. Ich sortierte also zuerst einmal diese Bankpapiere, Rechnungen, Mahnungen aus besagten Schubladen, teilweise Sachen mit denen er drei, vier Jahre im Rückstand lag. Innerhalb von ein paar Tagen brachte ich da Ordnung rein und als ich fertig war, sagte Oberberger zu mir, „gut gemacht - den Rest lernst a no“.

Als weiterer Pluspunkt für mich erwies sich außerdem, dass ich einen Führerschein hatte; er selber zwar eigentlich auch, doch nachdem er sich an seiner tollen Citroën DS in der engen Toreinfahrt der Mayer’schen Hofkunstanstalt mal einen größeren Blechschaden geholt hatte, verlor er die Lust am Autofahren. Künftig wollte er sich lieber chauffieren lassen. Letztlich war ich zwischen Montag und Freitag Koch, Chauffeur, Butler und erledigte auch allerhand Schriftverkehr [...] nach seiner Anleitung natürlich. Sogar mitten in der Nacht rief er mich manchmal an. Ich zog die Hose über den Schlafanzug, fuhr hin, erledigte, was er von mir wollte und fuhr wieder heim, um weiter zu schlafen.“

 

Der Glaskünstler Bernd Nestler

Oberberger arbeitete noch ganz in der Tradition der mittelalterlichen Glasmaler. Bernd Nestler schreibt dazu: „Oberbergers Art zu arbeiten haben mich sehr geprägt und ich habe unter seiner Leitung enorm viel über die Arbeit mit Glas gelernt.“ Dennoch beschritt Bernd Nestler neue Wege und ist damit sehr erfolgreich: Er verwendet industriell gefertigtes Floatglas, das er mit modernen Techniken bearbeitet. Die Scheiben werden geätzt, bedruckt, bemalt und mattiert. Auf diese Weise entstand 2011das NOVA-LUX-Fenster für die mittelalterliche Kathedrale von Roermond (Niederlande). Damals setzte sich Bernd Nestler in einer europaweiten Ausschreibung gegen 111 Mitbewerber durch und schuf mit den Fenstern ein abstraktes Farbenspiel aus Feuergelb und Rubinrot, aus Irdischem und Göttlichem. Bernd Nestler hat auch in der Klosterkirche Tegernsee bedeutende Kirchenfenster geschaffen. Einzelne Glasobjekte, die mit dieser modernen Glasbearbeitungstechnik gefertigt wurden, sehen Sie in der Ausstellung.

 

Der schnelle Strich

 

Bernd Nestler schreibt als Resümee seiner Zeit, in der er mit Josef Oberberger zusammenarbeitete: „Im Grunde fühlte ich mich in diesen fünf Jahren bei Oberberger sehr wohl, denn die gegenstandsbezogene Kunst kam meiner eigenen Auffassung doch sehr entgegen und damit stand ich an der Münchner Akademie damals eher allein da.“ Wie Bernd Nestler war auch Oberberger der zeichnerischen Ausdrucksweise verbunden. Nebenbei bemerkt: Die Vorliebe für den Zeichenstift hatte für Oberberger auch ganz praktische Gründe. Dem Filmemacher Percy Adlon gegenüber, der im Jahre 1974 einen Film über seinen Abschied aus der Akademie drehte, hatte er einmal scherzhaft geäußert: „I mog ma net immer d‘Händ waschen.“ Ernst Maria Lang hielt Oberberger für einen der größten Zeichner seiner Zeit. Der berühmte Karikaturist hatte dabei den virtuosen und lockeren Strich im Blick. In Sekundenschnelle fertigte Obe zauberhafte Grafiken voll Witz, entwaffnendem Humor und hintersinnigem Schalk. Dabei fand er alles darstellenswert: Ironisches und Deftiges, Stillleben und Bewegtes, Atelier- und Biergartenszenen. Die Ausstellung auf dem Woferlhof gibt hier einen guten Überblick.

Auch in der Zeichnung kommen sich Bernd Nestler und Josef Oberberger ganz nahe. Der schnelle Strich ist auch für Bernd Nestler wesentlich. In dieser Ausstellung sehen Sie viele Beispiele. Fünf Sekunden gibt er sich Bernd Nestler für seine Zeichnungen und meint: „Nur fünf Sekunden darf der Prozess dauern, um das Hirn auszuschalten. Dann ist die Zeichnung auch am ehrlichsten“. Zeichne er länger, beginne er zu schönen oder gar zu radieren. Das Ergebnis sind natürlich ganz reduzierte Bilder. Nur wenige Striche machen die Graphik aus.

 Der Künstler zeichnet Köpfe und Figuren aus seinem Gedächtnis. Die Virtuosität in der Strichführung und der souveräne Umgang mit dem Stift sind das Ergebnis ständiger Übung. Josef Oberberger, der sich in der fernöstlichen Philosophie des Lao-tse beheimatet fühlte, erzählte in diesem Zusammenhang gerne folgende Geschichte: „Ein chinesischer Kaiser bestellte bei seinem Hofmaler das Bild eines Hahns. Nachdem der Maler das bestellte Bild nach drei Jahren immer noch nicht zeigte, begab sich der Kaiser persönlich in die Werkstätte seines Malers, um ihn zu mahnen. Der Maler aber zeigte sich erfreut, bat den Kaiser zu bleiben und nahm den Pinsel und malte vor den Augen des Kaisers sicher und vollendet den Hahn. Da fragte der Kaiser höchst zufrieden über das Kunstwerk, warum er so lange auf das Kunstwerk warten musste. Da führte der Maler den Kaiser in seine Werkstatt und zeigte ihm tausende von Studien und Entwürfen, immer den Hahn darstellend. Drei Jahre hatte er sich täglich mit dem Thema Hahn beschäftigt. So konnte er das Bild sofort zeichnen.“

 

Das Zusammenwirken von Farbe und Form

 

Als Glasmaler kannte Oberberger das Zusammenwirken von Form und Farbe. In der Farbgestaltung seiner Glasfenster beschränkte sich der Künstler ganz traditionell auf die Farben blau, rot und gelb, wie man sie bei abendländischen Domen und Kathedralen findet. Oberberger studierte aber auch die Farbenlehre von Johannes Itten und erwartete dies genauso von seinen Schülern. Auf seinen Zeichnungen bringt er gerne die Farbe mit ins Spiel, etwa zur Kolorierung oder zur Gestaltung des Hintergrundes. Das können Farbflächen sein, aber auch Farbbalken, auf die er dann seinen pflügenden Bauern oder den armen Glasmaler setzt.

 Auch die Fünf-Sekunden-Zeichnungen von Bernd Nestler bekommen Farbe, der Künstler setzt damit besondere, oft sehr humorvolle Akzente. Ein frühes Beispiel:

Eine kleine Person ist in der Mitte des Bildes platziert. Ein blauer Farbstreifen geht vom Winzling bis an den unteren Bildrand. Die Person wird so überhöht und auf einen blauen Sockel gestellt. Der Titel der Grafik: „Der Kleine ganz groß“. Auf einer anderen Zeichnung ist unschwer Olaf Gulbransson zu erkennen, ihm wurde als farbiger Akzent ein roter Schal umgelegt. In diese erste Serie von Fünf-Sekunden- Zeichnungen gehört auch ein Blatt, welches eine Person mit ausgestreckten Armen zeigt. Die Person ist von einem gelben Farbband umgeben, nach dem die Person greift. Für Bernd Nestler ist es die Person, die die Farbe „Gelb“ einfängt. In diesen Grafiken setzt er bewusst Linie gegen Fläche und Farbe gegen Form. Für seine farbigen Akzente bevorzugt er die Primärfarben.

 Das Zusammenwirken von Form und Farbe hat Bernd Nestler weiterentwickelt, wenn er seine Fünf-Sekunden-Zeichnungen in Farbe „taucht“, wie er selber sagt. Hier wird der Farbe ein wesentlich breiterer Raum eingeräumt. Die Kolorierung hat ein wesentlich größeres Ausmaß erreicht, so dass die Bilder aus der Ferne wie abstrakte Farbkompositionen wirken. Die Zeichnungen sind erst bei Nahsicht zu erkennen.

 

Neue Bildsprache mit der Lichtmaltechnik

 

Gerne bringt Bernd Nestler seine Zeichnungen mit seiner Lichtmalerei in Verbindung, die er unter dem Begriff Licht-ART zusammenfasst. Dazu benutzt der Künstler seinen Fotoapparat und arbeitet mit einem besonderen Belichtungsverfahren. Er entdeckte es im Jahre 2014 mehr oder weniger zufällig, als er nach einer geeigneten Methode suchte, um seine Glaskunst abzulichten. Das genaue Verfahren gibt er nicht preis. In jedem Fall ist Lichtbrechung die Ursache. Bekanntermaßen sind im weißen Licht alle Farben des Spektrums enthalten. Sie offenbaren sich, wenn der Mensch Prismen einsetzt oder Regentropfen einen Regenbogen erzeugen. Sie offenbaren sich aber auch, wenn Bernd Nestler mit seiner Lichtmaltechnik unterwegs ist und Farben einfängt, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind. Bernd Nestler verrät so viel: „In der Kamera gibt es Sensoren, die Farben suchen.“ Es sind die Gesetze der Optik, die sich der Künstler hier zu Nutze macht, auch wenn er einräumt, dass er den Prozess nicht bis ins Letzte steuern kann.

Das Ergebnis sind lichtdurchflutete Bilder, bei denen die Motive in einem völlig neuen Farb- und Formenspektrum erscheinen – Bilder, vom Licht gemalt. Die Farbigkeit nimmt den Betrachter sofort gefangen.

 Mit der von ihm entwickelten Lichtmaltechnik hat Bernd M. Nestler eine neue, eigene Ausdrucksform gefunden, eine noch nicht dagewesene Bildsprache, eine völlig neue ästhetische Aussage. Die Wirkung wird noch verstärkt durch den Bildträger: Meistens sind es Alu-Dibond-Platten.

 Bernd Nestler hat seine Lichtmaltechnik nicht ausschließlich für die Fünf-Sekunden- Zeichnung eingesetzt. Gerne fotografiert er auch religiöse Motive, wie z.B. einen Rosenkranz, eine Christusfigur oder ein Kruzifix. Die Objekte inszeniert er mit der Lichtmaltechnik in einer bizarren Farbenwelt. Bernd Nestler tut dies mit großem Respekt und großer Ehrfurcht, indem er meint: „Ich möchte die Energie, die in diesen Objekten durch das jahrzehntelange Beten drinnen steckt, wieder sichtbar machen.“ Vom Ergebnis der Arbeiten war auch der renommierte Regensburger Kunstverlag Schnell und Steiner so begeistert, dass er die Bilder in seiner Verlagsgalerie zum Verkauf anbietet.

 Bernd Nestler hat seine Lichtmalerei auch an Bildern alter Meister erprobt. Die Fotografien verbindet er mit Personen seiner Fünf-Sekunden Zeichnungen: Beim berühmten Selbstbildnis von Albrecht Dürer wissen wir sogar, was die Person denkt: „Ich bin in Gedanken bei Dürer“ – so der Bildtitel. Beim „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich ist der Wanderer, der sehnsüchtig in die Ferne blickt, in helles Licht getaucht. Ihm hat Bernd Nestler eine Frau zur Seite gestellt. Der Bildtitel: „Vielleicht hat er Sehnsucht nach einer Frau.“

 

Schluss – Zwei Kollegen

 

 Ich bin überzeugt, dass Oberberger Interesse an der Lichtmaltechnik von Bernd Nestler gefunden hätte, war er doch selbst sehr experimentierfreudig mit seinem Kopierer zugange.


Liebe Besucher, eigentlich war es schon längst überfällig, beide Künstler, die so vieles miteinander verbindet, in einer Ausstellung zu zeigen. Deshalb danke ich Frau Elisabeth Lerche, dass sie diese Ausstellung hier möglich machte.

 Sie sehen zwei Künstlerpersönlichkeiten, deren Beziehung anfänglich durch ein Lehrer-Schüler-Verhältnis geprägt war, das sich aber im Laufe der Zeit zu einem Verhältnis unter Kollegen entwickelte.

Dazu noch eine kleine Episode, die Bernd Nestler erzählt.

„Ich werde nie vergessen, wie ich einmal eine Kritik vom Zaun brach, als ich – gleich beim Betreten der Mayer’schen Werkstatt am Morgen – bei der Abfolge mehrerer Glasfelder einen gestalterischen Fehler entdeckte und das ganz spontan auch laut sagte. Daraufhin explodierte der Meister vor versammelter Mannschaft und konnte sich nur schwer wieder beruhigen. Einer der Glasarbeiter pflichtete mir aber bei und irgendwann merkte auch Oberberger, dass der Wurm drin war. Kurz darauf erhielt ich eine Postkarte von ihm – er verteilte immer viele Postkarten mit Notizen, Mahnungen oder Erinnerungen drauf – und auf dieser Karte titulierte er mich erstmals mit „Kollege“.

Das war sozusagen der Ritterschlag und dann entwickelte sich auch unser Verhältnis immer mehr in diese Richtung.“ Mit einer weiteren Postkarte, die Bernd Nestler von Obe bekommen hatte, möchte ich meine Ausführungen schließen. „Einmal gab er mir eine Postkarte mit der Widmung: „Für Bernd -Wenn ich tot bin, verspreche ich dir, rufe ich dich sofort an. Dein alter Obe.“ Leider wart ich immer noch auf den Anruf.“

 

 Literatur:

 Josef Oberberger. Himmlisch-Irdisch-Bayerisch, hrsg.

von Erich Hofgärtner, Augsburg 2019.

Malklasse

Josef Oberberger, hrsg.

von Erich Hofgärtner, Augsburg 2022. Reipka und Schüler, hrsg. von Erich Hofgärtner, Augsburg 2024.

Presse

Einblicke in die Ausstellung Prof. Josef Oberberger und Bernd M. Nestler