Regine Herzog und albertrichard PFRIEGER vom 16.10.2021 - 30.01.2022

Regine Herzog und albertrichard PFRIEGER Malerei und Skulptur

 Rede zur Ausstellungseröffnung im Woferlhof Wettzell am 16.10.2021

 

Von Florian Sendtner

 

Der österreichische Künstler Erwin Wurm, erfuhr man neulich in der Süddeutschen Zeitung, sei einer der erfolgreichsten Gegenwartskünstler. Das Thema seiner Skulpturen und Installationen sei „das Lächerliche am Menschsein“. Da fragte man sich als SZ-Leser natürlich: Warum ist Erwin Wurm so erfolgreich? Das Lächerliche am Menschsein? Für dieses Spezialthema gibt es doch schon die österreichische Regierung!

Bevor es jetzt heißt, die Ausstellung im Woferlhof wurde mit einem Österreicherwitz eröffnet, noch schnell der Hinweis, daß selbstverständlich auch die deutsche Regierung eine hochkarätige Konkurrenz darstellt für jeden Künstler, der das Lächerliche am Menschsein im Blick hat. Die noch amtierende genauso wie die zukünftige. Allein die laufenden Sondierungsgespräche, dieses gelbgrüne Gegockel und Gestelze und Gespreize: eine Performance von hohen künstlerischen Gnaden.

Eigentlich aber, darauf ist ausdrücklich hinzuweisen, ist die Darstellung des Lächerlichen am Menschsein nicht Aufgabe der Regierung, sondern der Kunst. Die Kunst ist für das Lächerliche am Menschsein zuständig, genauso wie für das Tragische am Menschsein. Und die beste Kunst ist die, wo beides ineinander übergeht, wo man Komödie und Tragödie kaum unterscheiden kann, wo man lacht – und auf einmal merkt: man weint ja.

Willkommen in der Ausstellung von Regine Herzog und Albertrichard Pfrieger im Woferlhof! Aber Sie dürfen sich jetzt natürlich keine falschen Vorstellungen machen. Es gibt hier keine unfreiwillig komödiantischen Knaller wie im Wiener Bundeskanzleramt, und auch keine tragischen Exzesse wie bei Shakespeare. Nein, hier ist alles stiller und subtiler. Es sind ja auch „nur“ Bilder und Skulpturen, die nur dastehen und an der Wand hängen und kein Geschrei machen.

Und doch heißt es aufpassen! Sie können hier, wenn Sie nicht genau hinschauen, ganz schnell hinter die Fichte geführt werden! Nehmen wir zum Beispiel das Ölgemälde „Mohnblood“ von Regine Herzog (das im ersten Stock im Gang zu sehen ist): eine Mohnblumenwiese, vereinzelt sind auch Margeriten zu sehen, durchzogen von einer schmalen Teerstraße, ein sattes, idyllisch-harmonisches Stilleben. Bis man auf einmal am linken, oberen Bildrand noch ein Stück Straße sieht. Die Straße dort ist, weil etwas höher als der Standpunkt des Betrachters, nur zu ahnen und nur an vier schwarzweißen Straßenbegrenzungspfosten zu erkennen. Und an einem Verkehrszeichen, das ein Auto zeigt, das mit den Rädern der rechten Seite in den unbefestigten Fahrbahnrand abgekommen ist und ins Schlingern zu geraten droht: Bankett nicht befahrbar!

Was hat das zu bedeuten? Ist die auf den ersten Blick sichtbare, quer durch das Bild führende schmale Teerstraße die Fortsetzung der kaum sichtbaren Straße am linken Bildrand? Sind die beiden Straßenstücke durch eine unsichtbare Haarnadelkurve hinterm Hügel verbunden? Oder sind es zwei beinahe parallel verlaufende Straßen? Auf jeden Fall steht die obere, kaum sichtbare Straße unter der Obhut des deutschen Straßenverkehrsrechts, sie ist von Straßenbegrenzungspfosten gesäumt, und ein Verkehrszeichen mahnt pflichtschuldig, nicht von der Straße abzukommen. Weil links und rechts der rote Mohn und mithin das Unheil dräut, das Unheil namens Natur. Die sichtbare Straße hingegen führt unbekümmert und ohne jeden Warnhinweis, ja man muß schon sagen: fahrlässig quer durchs Mohnfeld hindurch, ohne Mittelstreifen, ohne Fahrbahnbegrenzungsstreifen, ohne Leitkulturplanken. Hier ist der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen und der links und rechts wuchernden, wenn auch anmutig anmutenden Gesetzlosigkeit schutzlos preisgegeben. Dieses Mohnblumenmeer sieht so aus, als könnte es jederzeit über die schmale Teerstraße hinwegschwappen und sie samt einem zufällig darauf fahrenden Auto und darin befindlichen Menschlein verschlucken – da heißt es sich fest angurten, wie sich Odysseus am Mastbaum festbinden läßt, bevor er mit seinen Gefährten an der Insel der Sirenen vorbeisegelt. (Übrigens gibt es in dieser Ausstellung auch eine Zeichnung von Albertrichard Pfrieger mit dem Titel „Vorbeizug der Sirenen“, oben im Gang, ganz hinten rechts.)

„Mohnblood“: Dieses so harmlos und nett daherkommende Bild von Regine Herzog hat also durchaus sehr ernsthafte und grundsätzliche Bedeutung. Des Menschen Erdenwallen benötigt einen befestigten Untergrund und solide Grenzpfähle; ansonsten wird er von der zügellosen äußeren und inneren Natur überwuchert und wird zum Spielball seiner Leidenschaften! Ein Blumenstrauß mit drei Mohnblumen darin mag ja noch angehen, doch eine ganze Blumenwiese voller Mohn, dieses schier endlos wogende Meer der Verlockungen und falschen Verheißungen – wer wünschte da nicht den Innenminister herbei, daß er die Gefahr mit scharfen Gesetzen und starken Polizeikräften unter Kontrolle bringt? – Sie sehen: das Bild von Regine Herzog mit dem Titel „Mohnblood“ zeigt nichts anderes als das Heroische am Menschsein. Es zeigt nichts anderes als das Lächerliche am Menschsein.

Das Heroische, das Lächerliche, das Unsichere am Menschsein. Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viel Sicherheit, so viele Absicherungen, so viele Versicherungen, zumindest für den Großteil der Menschheit im hochindustrialisierten Westen. Und unterm Strich hat sich wenig geändert. Sobald der Mensch die Augen schließt und träumt, wird der Boden unter seinen Füßen schwankend, tritt die Not der nackten Existenz hervor.

Das Unsichere am Menschsein – was macht man damit? Klarer Fall: 99 Prozent überspielen es, verleugnen es, verkehren es einfach ins Gegenteil, geben sich erst recht selbstsicher. Aber dann gibt es noch dieses eine Prozent an Leuten, die es nicht überspielen, das Unsichere, die es sogar aussprechen, ausdrücken – oder zeichnen, malen.

Selten sieht man einen Künstler, der so unbekümmert und radikal subjektiv zeichnet und malt wie Albertrichard Pfrieger, so kompromißlos abstrakt, so eigensinnig und eigenständig, der sich nirgends anlehnt, keine Autorität bemüht, der sich auf nichts und niemand beruft außer auf sich selbst.

Die Titel seiner Bilder sind so rätselhaft wie die Bilder selbst. Hier hinter mir: „Im Rest ist aller Zauber gleich“ (2013), „Die Feigen duften heimlich“ (2016) und o.T. (2017). Ein entschlossener schwarzer Pinselfahrer in der Bildmitte, zuerst ganz entschieden nach oben und dann in einem geschwungenen Bogen wieder nach unten, der sich am rechten Bildrand abgeschwächt und leicht variiert wiederholt, vor dem Hintergrund abwechselnd blaßrosa und blaßgrüntürkiser Farbfelder, wobei letztere mehr kreisend-dynamische Farbknäuel sind. Was für ein charakteristischer Ausdruck – freischwebend, ohne Absicherung und Abstützung und Bezugnahme auf irgendetwas Bekanntes oder Feststehendes oder Anerkanntes in der figürlichen, dinglichen Welt, ein Bild, das keine Rechtfertigung bietet außer der Subjektivität des Malers.

Das Bild hat zwar keinen Titel, aber durchaus ein Thema. Das Thema ist der schwarze Pinselfahrer in der Mitte, der in einem Zug kraftvoll und dynamisch durch die eher blümerant vor sich hinwabernden Hintergrundfelder gezogen ist und diese im wahrsten Sinn des Wortes aufmischt. Das schöne alte Wort „blümerant“ („schwach, schwindlig“, meist nur noch in der Redewendung „Mir wird ganz blümerant“) kommt übrigens aus dem Französischen, von „bleu mourant“, also „blausterbend“ bzw. „sterbend blau“, „mattblau“. Man kennt das aus allen Lebenslagen und in tausenderlei Hinsicht: Die Grundsituation, das Vorgegebene, ist bleumourant, auch wenn es hier auf dem Bild eher Blaßgrün als Blaßblau ist und auch wenn sich dazwischen zaghaftes Rosarot hervorwagt. Dennoch gibt es nur eine Rettung: den unbekümmerten schwarzen Pinselstrich, der eine klare Ansage macht und sich nicht um blaßblaugrünrosa Bedenken schert. Andererseits muß man zugeben, oder der schwarze Pinselstrich muß zugeben: vor diesem Hintergrund gibt er eine ziemlich gute Figur ab.

Gleichzeitig erinnert der apodiktische schwarze Pinselstrich an das scharfe S und mithin an ein aussterbendes Tier unter den Buchstaben des deutschen Alphabets. Vom Aussterben bedroht oder zumindest nicht direkt angesagt sind ja auch klare Äußerungen und eindeutige Bekundungen. Beliebt sind dagegen Redewendungen wie „Ich sag mal so“. Soll heißen: „Im Fall des Falles kann ich auch was anderes sagen. Und wenn Sie lieber das Gegenteil hören wollen, auch kein Problem!“ Eindeutigkeit ist altmodisch, Entschiedenheit unsexy. Gefälligkeit ist das Gebot der Stunde. Früher nannte man das Opportunismus.

Wobei der schwarze Pinselstrich, um ein letztes Mal auf ihm herumzureiten, nichts mit schicksalsschwerem Dezisionismus zu tun hat. Man braucht ihn ja nur anzuschauen: mit Beethovens „Muß es sein? – Es muß sein!“ hat er nichts zu tun, er posaunt auch kein „Ich stehe hier und kann nicht anders!“ in die Welt hinaus; dazu ist er viel zu leicht, viel zu schwungvoll, viel zu beflügelt.

Auch die „Speerjägerin“ („Javelin Hunter“) von Regine Herzog (2021) darunter kommt eher leichtfüßig daher, und ihr ockerfarbenes kurzes Kleidchen läßt eher an eine Cocktailparty denken als an eine Jagd (wobei Cocktailparty und Jagd ja auch Gemeinsamkeiten haben können). Ihr versonnener Blick flößt mindestens genausoviel Respekt ein wie der mannshohe Schild und der wie beiläufig getragene Speer in ihrer Linken. Mannshoch? Das ist es ja eben: es ist manches ein bißchen andersrum bei Regine Herzogs Figuren, ein bißchen verfremdet, ein bißchen befremdend. Eine Kriegerin? Wo gibt’s denn sowas? Aber eine Amazonin ist es irgendwie auch nicht, dafür gäbs ja noch eine Schublade. Nein, bei Regine Herzog ist es nicht so leicht, das Fremde auf etwas Bekanntes zurückzuführen, das Ganze einzuordnen, damit man sich wieder beruhigt zurücklehnen kann. Es bleibt etwas beunruhigend Befremdendes, Unerklärliches. Mit anderen Worten: diese Statuette aus Kirschbaumholz, die auf einem Zwetschgensockel steht, hat was. Ein Kunstwerk, das restlos erklärbar ist, ist keins. Und ein Kunstinterpret, der auf alles eine Antwort hat, ist ein Vollidiot.

Bei ihrem „Frauentorso mit Hund“ (2002), der draußen im Hof im Eck steht, ist es nicht viel anders. Allein die Materialien: Keramik und Eisen – wo bleibt denn da bitteschön die Gefälligkeit? Und überhaupt, wo bleibt der Hund? Falls Sie ihn noch nicht entdeckt haben, kleiner Tip: Sie müssen sich dem Busen in fast inkorrekter Weise nähern. Und dann sind die einzelnen Körperteile erstens aus nicht direkt eherner Keramik und zweitens auch noch eiskalt an einem Eisengestänge aufgehängt. Was einerseits dem ganzen Torso etwas Schwebendes und Lebendiges verleiht und speziell die Beweglichkeit der Beine evoziert, also eine für einen Torso unvermutete Grazie zur Folge hat. Andererseits sieht man das Eisengestänge ja, man sieht es schon von vorn, und wenn man sich traut, hinter die Kulissen zu blicken, sieht man die ganze nüchterne Konstruktion, an der die Grazie buchstäblich hängt, die Fragilität des menschlichen Körpers springt einen an, die Anmut – sie ist eine Sache der Physik.

Das Heroische am Menschsein, das Lächerliche am Menschsein – wer könnte das auseinanderhalten? Aber was heißt schon am Menschsein. Beim Seeadlersein ist es nicht anders, wie der „Kleine Adler“ (2021) von Regine Herzog zeigt (drüben im Erdgeschoß). Wieder aus Keramik, wieder eine Statuette von 45 Zentimeter Höhe, und wieder ist es eine Figur, an deren tragischem Ernst niemand zweifeln wird, und die gleichzeitig komisch wirkt, weil der kleine Adler zwar schon einen Schädel und einen Schnabel wie ein Großer hat, aber leider noch überhaupt keine Flügel.

(Der Seeadler, der so gut wie ausgestorben war, ist ja wundersamerweise wiederauferstanden, man kann ihn sehen, unten an der Donau. Vor ein paar Jahren hab ich einem jungen Seeadler an einem Donaualtwasser bei Pfatter zugeschaut, wie er in einem kahlen Baum wie ein riesengroßer Papagei herumgeklettert ist, das hat wirklich etwas Komisches gehabt.)

Dem kleinen Adler geht alles viel zu langsam, vor allem das Wachstum seiner Flügel. Aber das ist bekanntlich keine Seeadlerspezialität, das ist beim Menschen genau das gleiche, und zwar nicht nur beim jungen Menschen, der endlich, endlich groß sein will. Das kommt auch beim Erwachsenen vor, daß es ihm nicht schnell genug geht und der Blick zurück nur hinderlich ist. Egal, wie alt man ist, manchmal steht eine Mauser an, und man wartet ungeduldig darauf, daß einem wieder Flügel wachsen. „Vorwärts, ich will vergessen“ heißt eine großformatige Graphitstiftzeichnung bzw. Collage von Albertrichard Pfrieger von 2015 (drüben im Erdgeschoß), auf der sich die Papierschichten überlagern und ein rundförmiges, eingekreistes Etwas mehreren geraden, dynamisch nach vorn weisenden Strichen gegenübersteht. Man sollte nie vergessen, daß das Vergessen lebensnotwendig ist. Vergessen bedeutet Wachstum, bedeutet Fortschritt – beim Kind ist das evident. Wie könnte das Kind soviel Neues aufnehmen, wenn es nicht gleichzeitig Vieles wieder vergäße, so schnell kann das Hirn gar nicht wachsen. Und es gibt, wenn man sich an die Kindheit zu erinnern versucht, ja auch so viel unendlichen Unsinn – wenn man all das in Erinnerung behielte, würde man schlicht wahnsinnig. Im Erwachsenenalter ist das natürlich viel reduzierter, aber es ist dennoch konstitutiv, daß man Vieles vergißt.

Mit dem kollektiven Vergessen und Verdrängen der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen hat das nichts zu tun. Millionen von Ermordeten unter den Teppich zu kehren, das ist nicht konstitutiv fürs Menschsein. Das ist nur konstitutiv fürs Verbrechersein.

Was man auch nie vergessen sollte, das ist dieses Fremdwort, dieses als völlig veraltet belächelte, seltsame, ganz aus der Mode gekommene Wort, das am Ende der Strophe von Bertolt Brecht steht, von der der Bildtitel von Albertrichard Pfrieger abgeleitet ist:

Vorwärts und nicht vergessen

Worin unsre Stärke besteht!

Beim Hungern und beim Essen

Vorwärts, nie vergessen

Die Solidarität!

Liebe Frau Lerche, zu dieser Ausstellung kann man Ihnen nur gratulieren! Zwei völlig unterschiedliche Künstler, die unglaublich gut zusammenpassen. Straubing trifft auf den Bodensee, intellektuell-ästhetisch vertrackte Malerei und Bildhauerei auf konsequent eigensinnig-subjektive abstrakte Malerei. Aber so unterschiedlich die beiden auch sind, sie berühren sich doch in einem Punkt: Man muß nur die Skulptur „Lied 2006“ von Regine Herzog anschauen, diese weibliche Büste mit den geschlossenen Augen, deren Sockel von Singvogelbildern umrahmt ist. Wenn man sich überlegt, was diese Frau sehen könnte, steht man auf einmal vor den Bildern von Albertrichard Pfrieger. Regine Herzog, Albertrichard Pfrieger, Frau Lerche, vielen Dank für diese wunderbare Ausstellung!

Presse

Video

Einblicke in die Ausstellung Regine Herzog und albertrichard PFRIEGER